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Vom Märchen Finanzkrise


Das Leben
Eines jeden Menschen
Ist ein von Gottes Hand
Geschriebenes Märchen

Hans Christian Andersen
H.C. Andersen (1869)

Hendrik saß am Rechner. Hektisch versuchte er, den Störsendern zum Trotz, eine Verbindung aufzubauen. Ihm verlangte nach Taten. Sein Vater hatte auf einer enormen Sitzgruppe Platz genommen und sich des Zentrums der Klause bemächtigt. Obwohl scheinbar untätig auf den Polstern thronend, gewann man den Eindruck, alles um ihn herum verliefe nach seinem Plan. Großzügig bediente er sich an einer bereitgestellten Schüssel mit Erdnüssen. Jonas kauerte in seinem Sessel und beobachtete seinen Vater nachdenklich: "Als Kind mochte ich immer Märchen. Zu Anfang erzählte Mama die besten Geschichten: Sie waren abenteuerlich, phantasievoll und endeten glücklich. Aber später hoffte ich immer, dass jeder Abend einer der besonderen Tage wäre, an dem du den Märchenonkel spieltest. Deine Geschichten waren moralisch und würdevoll, erzählten von Helden, Magiern und Königen. Von Mutters Geschichten weiß ich heute kaum noch eine, aber deine könnte ich niederschreiben. - Erzähl mir das Märchen von der Wirtschaftskrise!"

Isaak lehnte sich zurück und schmunzelte. Mit sonorer Stimme begann er salbungsvoll zu berichten: "Das Märchen ist eigentlich jüngeren Datums. Aber gut, mein Junge. Ich erzähle das Märchen von der Wirtschaftskrise, die keine war:

In einem fernen Land lebte einst ein armer Mann, der seine Miete nicht aufbringen konnte, weil McDonalds ihn so schlecht bezahlte. Statt in ein kleineres Haus zu ziehen, riet ihm sein Bankier, das Heim doch einfach zu erwerben. Er könne es über einen langen Zeitraum abbezahlen und hätte später sogar einen Altersruhesitz. Der Mann tat, wie ihm geheißen. Und all seine Nachbarn folgten seinem Beispiel.

Doch gab es weise Männer, die sich fragten: Wie will jemand ein Haus abbezahlen, wenn er nicht einmal die Miete dafür aufbringt? Er wird vermutlich irgendwann bankrottgehen. ‚Macht nichts', antworteten die Bankiers, ‚die Grundstückspreise steigen immerfort. Sein Haus wird an Wert gewinnen, denn in der Stadt leben immer mehr Hausbesitzer und immer weniger Mieter. Das treibt die Preise in die Höhe. Er wird sein Haus an uns verlieren und wir werden es mit Gewinn verkaufen. Und bis dahin bezahlt er noch jeden Monat wenig Abtrag und reichlich Zinsen an uns.' Und so geschah es."

Jonas gefiel es, wie sein Vater von der Finanzkrise erzählte, und fuhr im gleichen Stil fort: "Die Bank wurde unermesslich reich mit diesem Trick und so fand er viele Nachahmer. Die Arbeiter fanden auf ihren Hypotheken die Schulden nicht wieder und blieben frohgemut. Und die Bankiers verloren auf den Schuldverschreibungen den Bezug zu ihren Kunden und badeten in ihren Prämien. Alles wurde herrlich abstrakt. Ging jemand pleite, wurde die Bank noch reicher und die Nachbarn konnten spotten: ‚Schaut, er hat mit dem Geld geprasst und kann seine Schulden nicht bezahlen, was für ein Versager', dabei hatten sie selbst nur wenig für sich. Und so verloren immer mehr Menschen ihr Haus und immer weniger konnten sich ein neues leisten. Und das unfassbare, grauenhafte, was es seit Äonen nicht gegeben hatte, geschah: Die Immobilienpreise sanken."

Auch Hendrik, der seine geschäftige aber erfolglose Tätigkeit unterbrach, wollte sich beteiligen: "Das war den Bankiers allerdings egal, denn sie hatten die Schulden ihrer Klienten längst an andere Firmen verkauft, welche gar nichts wussten von den Häusern, den Menschen und den Preisen, die in dem fernen Land herrschten. Die weisen Männer hatten natürlich die Finger von den Schuldpapieren gelassen oder sie rasch verkauft. Mit Schulden zu handeln ist gefährlich, denn Schulden sind nicht greifbar; sie symbolisieren einen Mangel. Doch viele dumme und gierige Menschen stürzten sich auf das virtuelle Geld und verkauften es mit Gewinn weiter. Und weil irgendwann niemand mehr wusste, mit was da überhaupt gehandelt wurde, wuchs die Seifenblase bis an ihre Grenzen."

Occupy vor der Deutschen Bank; Quelle:B. Bumm

Dem Oberhaupt der Familie oblag es, die Geschichte zu beenden: "Schließlich gingen Abertausende von gar nicht mehr glücklichen Hausbesitzern in dem fremden Land bankrott; und niemand konnte oder wollte mehr ihre Häuser kaufen. Und wie beim Schwarzer Peter hatten all diejenigen verloren, die gerade die wertlosen Papiere in Händen hielten. Millionen verloren ihre Arbeit, Firmen und Banken gingen pleite, Staaten wankten in ihren Grundfesten. Die Welt balancierte am Abgrund. Aber zum Glück gibt es, wie in jedem Märchen, ein Happy End: Denn die Leute, die ihr Haus verloren, wohnen immer noch darin. Es wird kein Laib Brot weniger auf der Welt gebacken, keine Jacke weniger genäht. Nahrung, Energie und Wohnraum sind geblieben; es werden nur weniger Maschinen, Autos und Computer gebaut, was eigentlich niemanden stört. Einige weise Menschen sind reicher geworden während der Scheinkrise, viele dumme Könige ärmer; aber die Welt, über die sich die Mächtigen die Herrschaft teilen, ist immer noch genau so reich wie zuvor."

Jonas verstand. Die Familie gehörte zu den weisen Männern und hatte die Krise genutzt. Es war ein normales Auf und Ab. Marktwirtschaft erzeugte Nachfrage, die es eigentlich nicht gab, nach Dingen, die man nicht unbedingt brauchte. Brach die Nachfrage ein, entstand eine Scheinkrise. Sie traf nur denjenigen, der mehr kaufte, als er sich leisten konnte oder mit Dingen handelte, von denen er nichts verstand.

Isaak war wieder ernst geworden. Verbitterung nahm Besitz von ihm: "Wenn aufgrund der Ereignisse der letzten Jahre irgend ein Mensch auf diesem Planeten mehr Not erleiden musste als zuvor, so ist das kein Unglück, es ist Absicht! Denn aus Not lässt sich guter Gewinn schlagen. Der Schaden an der Weltwirtschaft ist - entgegen aller Gerüchte - eher gering."



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