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Der Klang
der Stille

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Der Klang der Stille


Der Raum war bejahrt und schäbig. Er lag tief in den Eingeweiden Domizils, ohne Fenster, ohne Lüftung. Der Tür gegenüber hing ein Spiegel, fast so breit wie die Wand. Er war in einen Bronzerahmen gefasst und durch ein verblichenes Tuch abgedeckt. Trotzdem beherrschte er den Raum. Einige abgewohnte Möbel und Teppiche waren hier gestapelt; und es war still - mucksmäuschenstill. Juno entlauste das Zimmer notdürftig und trug einen Teil des Mobiliars in benachbarte Räume. Sie war frohen Mutes.

Sie machte es sich auf einer Chaiselongue, einer gepolsterten Liege, gemütlich und zündete eine Petroleumlampe an, denn das elektrische Licht verursachte Störgeräusche. Den Spiegel hatte sie frei gelegt, ein großes Tuch an der Wand wirkte ungemütlich. Allerdings störte sie ihr Spiegelbild, so dass sie ihm den Rücken zuwandte, wenn sie dalag und auf die Bilder ihres Unbewussten wartete.

Wochenlang gab sie sich in jeder freien Minute der Stille hin und langsam aber sicher ordneten sich die Bilder in ihrem Inneren. Sie beschrieb sie in Versen, verlieh ihnen neue und alte Namen, spielte mit ihnen und ließ sie miteinander tanzen. Zuweilen vernahm sie dabei die Musik, doch sie blieb leise und im Hintergrund. Versuchte Juno die Töne zu fassen, verschwanden sie; man konnte den Klang nicht festhalten.

Schließlich der Durchbruch: Eines Abends, sie war allein, Hendrik würde erst spät nach Hause kommen. Weil sie sich unwohl fühlte, hatte Juno eine halbe Valium geschluckt und war früh zu Bett gegangen. An ihre Meditation verschwendete sie keinen Gedanken. Sie dämmerte gerade dahin, als in den letzten Winkeln ihres Bewusstseins sachte die Musik einsetzte.

Ein Mal an jedem Tag gilt es loszulassen. Wir müssen uns ganz hingeben, um in das Reich der Träume zu gelangen, denn dort herrschen ihre Regeln und der Zugang ist dem Verstand verwehrt. An der Pforte zu diesem Reich hörte sie die Musik - außerhalb des Raums der Stille.

Quelle:Bobak Ha'Eri

Der Augenblick des Einschlafens birgt ein Geheimnis, dass sie auch nach tausend Nächten nicht zu ergründen vermochte. Vielleicht hörte Juno die Musik jede Nacht im Augenblick des Übergangs und vergaß sie bis zum nächsten Tag. Aber am Morgen, beim Wegräumen des Valiums, öffnete sich ein Schleier und gebar die Erinnerung an die Nacht zuvor. Juno weinte vor Rührung.

Sofort nahm sie eine Pille und hastete in ihren Raum. Dort ließ sie sich nieder, atmete tief ein, schloss die Augen und dachte angestrengt an die Lampe neben sich. Bis sie glaubte das Leuchten in ihrem Herzen zu spüren. Aus dem Licht schälten sich Bilder und Gestalten, Töne und Stimmen, so plastisch und lebendig wie niemals zuvor. Sie fand sich wieder in einer Gebirgslandschaft, schwebte körperlos zwischen den Gipfeln, die nicht kahl und eisig, sondern grün und saftig unter ihr herglitten. Ein himmelblauer See schimmerte durch das Tal. Seine Windungen folgten den Bergkämmen und Juno dem Verlauf des Stroms bis zu einem brausenden Wasserfall, der den See speiste. Sie flog auf ihn zu und preschte übermütig durch die Wasser. Ein Blitz raubte ihr die Orientierung.

Ihr Sehvermögen kehrte rasch zurück, doch blieb es düster. Sie war inmitten einer Seerose gelandet. Um sie herum nur finsteres Plätschern über sich ein sternenloser Himmel, erstreckten sich die Blütenblätter wie Dünen über die weite Ebene. Die fleischigen Schwimmblätter waren im Dunkel nur zu erahnen. Das Fruchtblatt ragte wie ein Kran in den Himmel. War der Kelch riesig oder Juno geschrumpft? Selbst die Staubblätter, die den Pollen trugen, erhoben sich über sie, beugten sich herab und griffen nach ihr. Nein, sie griffen nicht zu. Die Fäden wogten nur gleichmäßig hin und her, schaukelten in einem unbekannten Rhythmus. Juno versank in ihr Spiel, ließ sich vom fremden Takt verzaubern.

Quelle:Climbertobby

Da schälte sich ein Klang aus der Stille. Die Rose, das Wasser, selbst die Berge und der Himmel bewegten sich zu einer kaum vernehmlichen Melodie; nach der Musik, die in den Tiefen ihrer Seele wohnte. Doch jetzt erreichten die Töne jeden Winkel ihres Bewusstseins. Der Klang verlieh den verwirrenden Bildern eine Ordnung, wie Juno es nie für möglich gehalten hätte.

Sie ergab sich dem Spiel in stummer Verzückung. Er war gefunden, der Sinn ihres Lebens!

Sie nannte ihn: Den Klang der Stille.


In den Wochen, die kamen, versuchte sie es jeden Tag. Manchmal schlief sie ein, manchmal blieben die Bilder aus oder waren blass und oberflächlich. Aber oft nahm sie Teil an erhabenen Erlebnissen. Und in ihr reiften Verse, die den Bildern Worte schenkten.



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